FILMORCHESTER BESPIELT DR. MABUSE - Garant für Spannung

(Maerkische Allgemeine Zeitung, 24.02.03, Jörg Zimmermann)

Dr. Mabuse Es geht um Mord, Sex, Drogen, Glücksspiel, um die Manipulation der Börse und der Medien. Der Plot wartet mit allem auf, was einen erfolgreichen Krimireißer ausmacht. Doch damit allein hätte Fritz Langs "Dr. Mabuse, der Spieler" von 1922 wohl kaum Kinogeschichte geschrieben. Die effektvoll inszenierte Handlung wirft vielmehr Grundsatzfragen auf, die - nicht nur damals - sozialen Sprengstoff bargen.

Während der 20er Jahre berührte der Film die Zuschauer unmittelbar emotional. In des Regisseurs eigenen Worten: "Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war für Deutschland eine Zeit der tiefsten Verzweiflung. Entsetzliche Armut war neben ganz großem Reichtum. Berlin prägte damals das Wort: Raffke, vom Zusammenraffen des Geldes ... Dr. Mabuse ist der Prototyp dieser Zeit."

Die Story überzeugt noch heute, wovon man sich am Sonnabend im Potsdamer Nikolaisaal überzeugen konnte. Dass die Aufführung ebenso zu einem Kinoerlebnis wurde, lag aber nicht nur am Flair der expressionistisch gehaltenen Bildsprache. Es lag nicht minder an der neuen Begleitmusik des Komponisten Michael Obst, die im Rahmen der "Crossover"-Konzerte durch das Deutsche Filmorchester Babelsberg vorgestellt wurde.

Erfolgreich. Auch hier wurden die Zuschauer bei den Gefühlen gepackt. "Musik, die die unmittelbare Filmhandlung illustriert, als auch solche, die die Atmosphäre der Filmszenerie einzufangen versucht" - so umschreibt der Komponist seinen Ansatz. Anleihen bei der Tanzmusik der zwanziger Jahre, aber auch ein Preußenmarsch fließen in die atonale Komposition ein.

Von größter Bedeutung ist bei Obst der Faktor Zeit. Pulsierende Akkorde, vorantreibende Percussion-Einlagen intensivieren die Zeitwahrnehmung - offenkundig hat sich der 1955 in Frankfurt am Main geborene Musiker gründlich mit den Gesetzen des akustischen und visuellen Erzählrhythmus' beschäftigt. Ein Garant für Spannung

Und das umso mehr, da Obst um die Bedeutung der Pause weiß. Beeindruckendes Beispiel: Eine Gefängnisszene, in der eine inhaftierte Frau von einer anderen vorgeblich Gefangenen ausgehorcht werden soll, verläuft zunächst in absoluter Stille. Hochdramatisch entwickelt sich die Interaktion auf der Leinwand bis endlich, fast erlösend, brüchiges Streichersingen einsetzt.

Großes Lob muss man dem Ensemble unter der Leitung von Scott Lawton aussprechen. Gerade die von Michael Obst stark geforderten Instrumentengruppen brillierten - und das bis hin zu jenem ekstatischen Orchestertaumel, in dem der Kinoabend sein stürmisch beklatschtes Ende fand.